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Wissenschaftskritik der Fachdisziplin

Die Wissenschaftskritik der Fachdisziplin umfasst die Geschichte der Disziplin und alle Prozesse der Wissensproduktion. Dabei spielt auch die verwendete Sprache, sei es formell oder informell, eine Rolle. Für Ihre Lehre besonders relevant ist auch die spezifische Lern- und Fachkultur Ihrer Disziplin. Thematisieren können Sie diese u.a. mit folgenden Fragen:

  • Welches Verständnis von Wissenschaft herrscht vor? Welches Bild der eigenen Disziplin ist üblich? Wird Wissenschaft als Beruf oder Berufung wahrgenommen?

  • Welche fachkulturellen Gepflogenheiten gibt es und wie hängen sie mit der Beachtung oder Ausklammerung von Gender- und Diversitätsaspekten zusammen? Wie verbreitet ist eine offene, demokratische Diskussionskultur, oder wie hierarchisch ist das Fach strukturiert?

  • Gibt es eine Auseinandersetzung mit Fragen der Erkenntnistheorie und der Methodologie des Fachs? Werden Gender und Diversity als Analysekategorien für Prozesse der Wissensproduktion thematisiert?

  • Welche Paradigmenwechsel und fachliche Auseinandersetzungen gab und gibt es, welche Inhalte stehen im Vordergrund und welche eher an den Rändern der Disziplin? Welche Rolle spiel(t)en Frauen und Angehörige diskriminierter gesellschaftlicher Gruppen bei den Auseinandersetzungen um Inhalte und fachliche Zugänge?

  • Welche Rolle spielen Geschlechter- und andere Ungleichheitsverhältnisse für Aufgabenteilung, aber auch Außenwahrnehmung und die personelle Machtverteilung innerhalb des Fachs – wer repräsentiert welche Aspekte und tritt als Expert*in für was auf?

  • Wie werden Geschlechter- und andere Ungleichheitsverhältnisse durch die Art, wie das Fach betrieben wird, fortgesetzt oder aufgebrochen?

  • Sind die Fachsprache und die Kommunikation am Fachbereich und zwischen den Akteur*innen inklusiv oder ausschließend? Werden Frauen sowie Angehörige von sozialen Gruppen, die an der Hochschule unterrepräsentiert sind, sprachlich und bildlich und im sonstigen Medieneinsatz sichtbar gemacht? Werden dabei Stereotypisierungen vermieden? Welche Beispiele, Fragestellungen und Formulierungen werden gewählt?

  • Welche Rolle spielen in der Gestaltung der Curricula das Werk und die Biographien von Wissenschaftlerinnen bzw. Angehörigen von sozialen Gruppen, die an der Universität unterrepräsentiert sind?

„Zentrales Anliegen ist die Einbettung der Lebensgeschichten im zeitgeschichtlichen Kontext und den damit verbundenen Aus- und Einschlüssen von Frauen. Im Seminar geht es nicht darum, diese Frauen als ‚Ausnahmeerscheinung’ hervorzuheben. Dies würde sie lediglich auf einen ‚Exotinnenstatus’ festschreiben und damit die Vorstellung unterminieren, Frauen könnten nur ‚ausnahmsweise’ (...) schaffend wirken. Dies erlaubt die Entwicklung neuer Sichtweisen auf die tradierte Kulturgeschichte (von) Disziplinen.“
Gender-Portal der Universität Duisburg-Essen

Beispiele:

In manchen Disziplinen ist die Einordnung als Naturwissenschaft versus Sozial- oder Geisteswissenschaft umstritten. Manchmal hat sie sich historisch verändert oder zu einer Entwicklung unterschiedlicher Ausrichtungen geführt, wie in der Geographie oder Psychologie. Sie können die damit verbundenen Zuschreibungen und Bewertungen in der Lehre thematisieren.

In der Soziologie wird beispielsweise in der Arbeitssoziologie häufig vor allem Erwerbsarbeit, also bezahlte Arbeit, thematisiert. Eine gender- und diversitätsbewusste Perspektive zeigt auf, dass mit dieser Ausblendung der unbezahlten Reproduktionsarbeit wie Hausarbeit oder Pflege von Familienmitgliedern gleichzeitig eine ungleiche Verteilung der Tätigkeiten entlang von Geschlecht, Migration, Globalisierung etc. aus der Analyse ausgeklammert wird.

Mehr konkrete Anregungen, wie Sie die Disziplinengeschichte von MINT-Fächern z.B. durch den Einbezug von Biographien von unbekannteren, aber wichtigen und einflussreichen Wissenschaftler*innen differenzierter thematisieren können, finden Sie unter Fachspezifische Zugänge.