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Mit digitalen Tools zum Forschungsdesign

Interview mit Dr. Sabina García Peter

Im Sommersemester 2017 boten Dr. Sabina García Peter und PD Dr. Martha Zapata Galindo das Seminar Potentiale der Digitalisierung für die nachhaltige Produktion von Genderwissen am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin an. Das Seminar zur Entwicklung eines Forschungsdesigns wurde in Kombination mit einem Grundlagenseminar durchgeführt, in dem der Fokus auf Wissensvermittlung lag.

Gemeinsam mit ihren Studierenden setzten die Lehrenden Ideen um, die im Hinblick auf Gender und Diversity in der Lehre interessant sind. Dazu gehören die konsequent nachhaltige Konzeption des Seminars, der Einsatz von Blended Learning mit virtuellen und analogen Seminarterminen, digitalen Werkzeugen und Open Educational Resources sowie die Entwicklung einer feministischen Forschungsperspektive.

Dr. Sabina García Peter ist Beschäftigte am Margherita-von-Brentano-Zentrum und verantwortet die Bereiche Nachwuchsförderung und Digitalisierung. Am Lateinamerika-Institut ist sie Lehrbeauftragte. Homepage PD Dr. Martha Zapata Galindo ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lateinamerika-Institut. Sie forscht und lehrt in den Disziplinen Interdisziplinäre Geschlechterforschung und Soziologie. Homepage

Sabina García Peter, was macht Ihnen dabei Spaß, ein Seminar zu gestalten?

Ich versuche mir die Veranstaltung so vorzustellen, wie ich sie als Studierende gerngehabt hätte und versuche mich zu erinnern, was mir während meines Studiums gefehlt hat: Das macht mir Spaß.

Was sind die Ziele des Seminars, und was sollen die Studierenden im Seminar lernen?

Es gab verschiedene Ziele und einige haben sich auch im Laufe des Seminars verstärkt. Wir haben gesehen, dass wir auf manche Ziele mehr aufpassen müssen. Das erste Ziel war zu lernen, wie man digitale Medien in der eigenen Forschung nutzen kann und wie verschiedene Werkzeuge, die meistens frei zur Verfügung stehen, den Prozess der eigenen Forschung erleichtern können und für die Nachhaltigkeit der eigenen Projekte nützlich sein können. Das zweite Ziel war, die Studierenden bei der Erstellung eines Forschungsdesigns zu unterstützen und den verschiedenen Phasen bei der Erstellung nachzugehen und es zusammen mit Hilfe von digitalen Medien zu gestalten. Drittens ging es darum, darüber zu reflektieren, was es heißt, eine feministische Perspektive in die Forschung einzubringen und die verschiedenen Momente der Forschung aus dieser Perspektive zu reflektieren.

So wie ein roter Faden durch den Forschungsprozess?

Ja, genau. Deswegen mussten die Studierenden immer am Anfang und am Ende jeder Sitzung eine Tabelle ausfüllen, wo sie sich Fragen aus der feministischen Ethik stellen und reflektieren, wie sie sich die verschiedenen Etappen der Forschung vorgestellt haben, was für Fragen gekommen sind und wie sie mit diesen Fragen umgegangen sind, ohne diesen roten Faden zu verlieren.

Was passiert mit den Forschungsdesigns? Werden die Studierenden die Forschung auch umsetzen?

Vom Anfang an war es sehr wichtig, dass alles, was im Seminar gemacht wird, für sie auch nützlich ist. Deswegen haben wir viel Wert darauf gelegt, dass sie an einer Forschungsfrage arbeiten, die für sie wichtig war. Einige haben eine Hausarbeit vorbereitet, andere haben an eigenem Forschungsmaterial für die Masterarbeit gearbeitet. Die Studierenden waren in verschiedenen Semestern und von daher war es sehr unterschiedlich und wir mussten das Seminar anpassen.

Sie haben fast die Hälfte der Sitzungen nicht als Präsenzveranstaltungen, sondern als virtuelle Treffen durchgeführt. Wie ist so ein virtuelles Seminar abgelaufen?

Die Studierenden waren am Anfang sehr skeptisch, dass so etwas funktionieren könnte und hatten noch keine Vorstellungen, was sie davon mitnehmen können. Aber es hat sehr gut funktioniert!

Freitags gab es eine Präsenzsitzung und am zweiten Tag, samstags, haben wir uns virtuell getroffen. Bei der ersten Präsenzsitzung hatten die Studierenden ihre Laptops dabei und dann hatten wir die Möglichkeit die Werkzeuge der Plattform auszuprobieren und Fragen zu beantworten.

Die virtuellen Seminare fanden als Blockseminare statt und gingen von 10 bis 18 Uhr. Von 10 bis 11 Uhr haben die Studierenden frei gearbeitet und hatten Zeit, die Tabelle auszufüllen und zu schauen, ob es noch offene Fragen aus der Präsenzsitzung vom vorherigen Tag gab. Da wir mit einem Wiki gearbeitet haben, war es für uns als Dozentinnen möglich zu prüfen, ob sie dabei waren, da man beim Wiki sehen kann, wer gerade daran arbeitet.

Dann hatten wir drei Online-Meetings. Das erste war um 11 Uhr, wo jede*r die Möglichkeit hatte in 10-15 Minuten ihre Tabelle und Reflektionen kurz darzustellen.

Danach sind wir zur ersten Aufgabe des Tages übergangen. Sie waren immer sehr unterschiedlich, je nachdem, was man für ein Thema in der Sitzung bearbeitet hat. Zum Beispiel hatten wir bei der letzten Sitzung das Thema Methodologie. Dafür haben sie jeweils einen Text zu ihrer eigenen Forschungsfrage von uns bekommen und mussten erkennen, wie andere Forscher*innen eine ähnliche Frage methodologisch umgesetzt haben. Sie mussten eine Tabelle mit Fragen zu diesem Text beantworten. Für diese Aufgabe hatten sie bis zu zwei Stunden. Danach haben wir uns nochmal um 14 Uhr virtuell getroffen, wo die Studierenden ihre Arbeit präsentiert haben. Die Studierenden haben dann eine zweite Aufgabe bekommen und wir haben uns ein drittes und letztes Mal gegen 16:30 Uhr virtuell getroffen, um die Ergebnisse vorzustellen.

Ganz am Ende gingen die Studierenden zurück zu ihren Tabellen, die sie ganz am Anfang ausgefüllt hatten, und haben geschaut, was sich verändert hat.

Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile von einem virtuellen Seminar?

Ein großer Vorteil ist die Erfahrung zu machen, wie in aktuellen Kontexten gearbeitet wird. Später im Arbeitskontext, insbesondere im Bereich der Lateinamerikanistik, haben viele Projekte mit Leuten zu tun, die nicht im selben Ort leben. Jetzt wissen die Studierende, dass es möglich ist und sehr gut laufen kann. Sie hatten sich nie gefragt, ob sowas gehen kann und waren überrascht, wie gut man mit anderen Leuten, die in anderen Orten sind, zusammenarbeiten kann.

Haben virtuelle Seminare auch Nachteile?

Es gibt weniger Zeit für Diskussionen als bei Präsenzveranstaltungen. Ich kann mir gut vorstellen, dass zwischendurch Fragen aufgetaucht sind. Im Seminar kann man gleich nachfragen, während Fragen in virtuellen Sitzungen erst später beantworten werden können.

Man verliert die informelle Interaktion, sowie die Möglichkeiten zu zweit arbeiten zu können. In den Präsenzsitzungen hatten wir viele Übungen, wo sie in Tandems diskutiert haben. In den digitalen Sitzungen haben sie sehr vereinzelt gearbeitet.

Hatten Sie bei der methodischen Planung die Vielfalt von Studierenden im Blick?

Bei der Gestaltung des Seminars waren uns solche Fragen klar: dass wir virtuelle Sitzungen haben und jede*r dafür einen ruhigen Ort und einen Laptop zur Verfügung haben muss. Wir haben am Anfang gefragt, ob es für alle in Ordnung ist. Wir hatten uns Gedanken gemacht, falls es nicht für alle in Ordnung ist, dass wir zum Beispiel am Lateinamerika-Institut einen Raum zur Verfügung stellen müssten. Bei anderen Seminaren, wo ich solche virtuellen Sitzungen hatte, die nicht unbedingt am Wochenende stattgefunden haben, gab es immer die Möglichkeit zu diesem E-Learning-Raum zu kommen, anstatt unbedingt von Zuhause arbeiten zu müssen. Das haben schon ein paar Leute wahrgenommen und sind zum Lateinamerika-Institut gekommen, um die Computer vor Ort zu nutzen.

In unserem Fall waren alle einverstanden und es war für alle okay. Eine unserer Studierenden hat Kinder und sie fand das erstmal ziemlich gut und war begeistert, dass es die Möglichkeit gab, es virtuell zu machen. Aber dann nach der Sitzung meinte sie, sie fand es trotzdem schwer, weil sie Zuhause war und sie beim nächsten Mal die Kinder außer Haus betreuen lassen würde.

Wir haben auch eine Nachfrage zum Team-Teaching: Hatten Sie den Eindruck, dass für so eine Art Seminar zwei Lehrende notwendig sind? Geht das auch alleine?

Das war auf jeden Fall sehr gut, dass wir zwei waren, vor allem, weil man verschiedene Sachen koordinieren muss. Ich kann mir gut vorstellen, dass man es beim zweiten Mal allein machen könnte, weil man schon genau weiß was für eine Arbeit es ist und bestimmte Sachen schon erledigt sind. Aber es war viel Arbeit: immer für das Wiki etwas vorbereiten, technisch schauen, ob alles funktioniert. Vor allem bei den Online-Sitzungen war es sehr nützlich, dass wir zur zweit waren. Es gab manchmal Momente, wo eine Person im Wiki schauen musste, was passiert, und die andere Person konnte zwischendurch ein bisschen mehr Inhaltliches machen.

Haben Sie eine Einschätzung mit wie vielen Studierenden das möglich ist?

Wir waren sieben und es war gut so, vielleicht geht es bis zu zehn Studierende. Aber wenn es mehr wären, kann ich mir vorstellen, dass man sie in zwei Gruppen teilt und das Programm anders gestaltet, so dass eine Gruppe selbständig arbeitet während die andere in der Konferenzform ist und andersrum. Bis zehn Personen verliert man nicht den Überblick, wer alles da ist und ob bei allen die technische Seite funktioniert.

Sie haben verschiede digitale Technologien genutzt, die in Forschungsprozessen verwendet werden können. Gibt es ein Tool, das Sie anderen Lehrenden/ Forschenden besonders empfehlen würden?

Für die Studierenden waren alle Tools, die wir benutzt haben, neu und spannend. Später haben sie erzählt, wie sie die Tools auch für andere Sachen benutzt haben. Sie haben die Werkzeuge für sich selbst mitgenommen. Weil die Studierenden jeweils einen eignen Forschungsprozess hatten, haben die Padlets sehr gut funktioniert. Damit konnten sie ihre Arbeitsschritte sehr gut dokumentieren. Auch die Studierenden, die lieber mit Bildern und nicht unbedingt mit Texten arbeiten, haben das sehr schön genutzt. Sie haben mit ganz persönlich gestalteten Fotos und Videos gearbeitet, um ihre eigenen Interessen, Lernwege und Prozesse darzustellen. Obwohl sie nicht verpflichtet waren, haben viele Studierende die Tools später weiter benutzt.

Sie haben auch mit Open Educational Resources (OER) gearbeitet. Welche Art von Ressourcen haben Sie benutzt?

Uns war es wichtig zu zeigen, welche Möglichkeiten es in Bezug auf Datenbanken und Repositorien gibt, um Texte für die eigene Forschung und Recherche zu finden und um zu zeigen, dass es mehr als das Bibliotheksportal der Universität „Primo“ gibt, vor allem, wenn man zum Beispiel Literatur aus dem globalen Süden sucht. Das war uns sehr wichtig, weil ein Schwerpunkt unseres Seminars diese Reflektion aus einer feministischen Perspektive war: zu reflektieren welche Quellen wir nutzen, wo wir diese Texte finden, welche Diskurse in der eigenen Forschung bedacht werden.

Sonst haben wir die Plattform memucho als Teil des Moduls Methodologie genutzt. Martha Zapata Galindo hat mit memucho gearbeitet und das Team von memucho war sehr interessiert daran, neue Fragensätze zu erstellen. Sie haben sogar eine Person finanziert, die das für uns gemacht hat. Das Ergebnis waren kleine Quizze zu verschiedenen Methoden.

Wir hatten uns am Anfang gefragt, wie das Quiz angenommen wird. Ich selbst fand es ein bisschen zu spielerisch für die Uni. Aber eigentlich waren die Studierenden total begeistert: Sie hatten viel Spaß damit und fanden es gut, sich in einer neuen Art mit diesem Thema zu beschäftigen. Das Gute daran ist, dass diese Fragen auf einer Plattform waren, wo jede*r Zugriff hat. Wir haben also dieses Material erstellt, was allen zu Verfügung steht und es hat gezeigt, wie man mit OER umgehen kann.

Digitale Werkzeuge:
Memucho
, digitaler Lernassistent für (Fakten-)Wissen
Mindmeister, digtales Tool für kollaborative Mindmaps
Padlet, digitales Tool für das Erstellen von multimedialen, nichtlinearen Dokumenten und Schaubildern
Zoom, digitales Tool für Videokonferenzen

Ein inhaltliches Thema im Seminarplan war: „What kind of researcher are you?“ Das klingt sehr spannend, können Sie dazu noch etwas sagen?

Ja, das war eine sehr spannende Sitzung, weil die Teilnehmenden sich nie diese Fragen gestellt hatten. Alle hatten das Gefühl, dass sie sich immer diese Frage stellen wollten, aber dass es in keinem Seminar die Zeit gab, darüber zu reflektieren. Diese Frage „Was für eine Forschende bin ich?“ haben wir von der Webseite zum Buch Doing Feminist Research von Brooke Ackerly und Jacqui True übernommen. Sie haben da viele Übungen und Materialien zur Verfügungen gestellt und wir haben viel davon im Seminar genutzt.

Für dieses Thema mussten die Studierenden einen kurzen Fragesatz beantworten. Dafür haben sie das Tool Padlet genutzt, weil die Idee war, dass sie mit Fotos und Bildern kommunizieren könnten.

Haben die Studierenden Antworten gefunden?

Jede*r hat eine oder mehrere Antworten gefunden und es gibt einige, die bis jetzt mit der Frage beschäftigt sind und immer wieder darauf zurückkommen. Sie haben die Antwort immer wieder reflektiert und selbst gemerkt, wie neue Fragen und Themen dazukamen. Diese Frage „What kind of researcher are you?“ hatte bis zum Ende des ganzen Seminars ganz viel Präsenz.

Wenn ich zurückdenke frage ich mich: an welchem Punkt als Studierende ich mich als Forschende wahrgenommen habe, und wann ich bemerkt habe, dass auch ich Wissen generiere?

In unserem Fall konnten wir feststellen, dass Studierende sich schon als Forschende wahrnehmen. Aber ich glaube, dass es meistens von Lehrenden nicht unbedingt so wahrgenommen wird. Für die Selbstreflektion als Dozierende war es also auch sehr interessant.

Ich kann mir auch vorstellen, dass es sehr empowernd für Studierende ist, so adressiert zu werden und gefragt zu werden, was für ein*e Forscher*in sie sind.

Ja, genau, und in diesem Fall war es sehr forschungsorientiert. In anderen Fällen kann man sich auch fragen: Was für ein Lerntyp bin ich? Wie lerne ich? Das wäre auch eine Frage, die man sich stellen kann und für sich formulieren müsste. Das kann auch den ganzen Lernprozess oder die Seminargestaltung ändern.

Open Educational Resources:
Informationsstelle OER, deutschsprachige Informationen zu Open Educational Resources
Ackerly, Brooke, und Jacqui True. 2010. Doing Feminist Research in Political and Social Science. Red Globe Press. Open Educational Resources zum Buch

Was haben Sie im Seminar als Lehrende gelernt?

Ich habe gelernt, dass die Studierenden viel mehr Unterstützung brauchen als man denkt, und dass sie eigentlich sehr dankbar sind, wenn sie die bekommen. Ich fand es also ein bisschen eschreckend zu erfahren, dass sie von anderen Dozierenden so wenig erklärt bekommen und dass diese Art ein Seminar zu führen so wenig geübt wird.

Was haben Sie für Rückmeldungen bekommen?

In den Bewertungen haben viele gesagt, dass sie es gut finden, die Möglichkeit zu haben, so offen über die eigene Arbeit im Detail zu reden, dass wir als Dozierende so viele Interesse daran haben, was sie einzelnen machen und wie sie das machen.

Hatten die Studierenden auch Kritik am Seminar?

Für manche war es zu intensiv und aufwendig. Ich kann es mir gut vorstellen, dass sie es auch allgemein so empfunden haben. Aber viele haben vielleicht auch nichts gesagt, weil sie es sehr nützlich fanden und das Gefühl hatten, dass es sich trotzdem lohnt es zu machen. Ich glaube auch, dass es ein bisschen viel war.

Würden Sie so eine Veranstaltung nochmal machen?

Ja, auf jeden Fall.