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Fehlerfreundlichkeit ermöglichen

Professionelles Handeln, gerade in Kontexten, sie sich kritisch mit sozialen Macht- und Ungleichheitsverhältnissen auseinandersetzen, ist damit konfrontiert, diese Verhältnisse zu benennen, um sie anschließend bearbeiten zu können, darauf weist Urmila Goel hin. Nur wenn Menschen sich ihrer Unwissenheit, Vorurteile und Ressentiments bewusst werden, besteht die Chance, diese zu verändern. Dies geschieht jedoch fast immer auch in Anwesenheit von Menschen, die direkt von diesen Ressentiments betroffen sind.


Bei der Idee der Fehlerfreundlichkeit geht es darum, sowohl „nicht reversible negative Ergebnisse“ (Goel 2016:42) für diejenigen weitestgehend zu vermeiden, die Ausgrenzung und Diskriminierung selbst erfahren. Es bedeutet aber auch, Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten für alle Anwesenden zu schaffen – wobei alle wissen (müssen), dass es dabei zur Reproduktion von Machtverhältnissen kommt, und „Äußerungen verletzen können, auch dann, wenn dies nicht intendiert ist“ (ebd.: 43). In solchen Lehrsituationen sollten „jene, die durch die Reproduktion von Machtverhältnissen ausgegrenzt wurden, mit diesen nicht allein gelassen werden. Sie sollten erleben, dass diese Reproduktionen thematisiert und bearbeitet werden“ (ebd.). Weiter argumentiert sie, dass „[gleichzeitig] die Thematisierung und Bearbeitung der Reproduktion von Machtverhältnissen in einer Form erfolgen soll, die es auch jenen, die sie reproduziert haben bzw. die nicht verstehen, wo das Problem liegt, ermöglicht, dazu zu lernen. Ihnen sollen die Konsequenzen der Reproduktion von Machtverhältnissen deutlich gemacht werden, damit sie in Zukunft besser darauf achten können, Reproduktionen zu vermeiden. Diese Ziele der Fehlerfreundlichkeit stellen große Herausforderungen an die Lehrenden dar.“ (ebd.).

Diese Herausforderung zeigt, dass es nicht zuletzt wichtig ist, als Lehrende eigene Grenzen ernst zu nehmen. Auch die Grenzen einer vornehmlich didaktischen Herangehensweise an Diskriminierung und Ungleichheit werden hier deutlich: Es braucht flankierende, unterstützende Maßnahmen und Bemühungen auf allen Ebenen der Hochschule.


Literatur:

Goel, Urmila. 2016. Die (Un)Möglichkeit der Vermeidung von Diskriminierungen. In Diskriminierungskritische Lehre. Denkanstöße aus den Gender Studies, Hrsg. Geschäftsstelle des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universiät zu Berlin.

Goel, Urmila (2020): Freundlichkeit gegenüber Fehlbarkeiten – ein Ansatz für diskriminierungskritische Bildungsarbeit. In: Brücken, Susanne/ Streicher, Noelia/ Velho, Astride/ Mecheril, Paul (Hg.) (2020): Migrationsgesellschaftliche Diskriminierungsverhältnisse in Bildungssettings. Analysen, Reflexionen, Kritik. Wiesbaden: Springer VS. S. 147-166.