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Zeit geben, Transparenz und Wertschätzung – Studierende mit Prüfungsangst unterstützen

Ein schmal zulaufender Gang mit vollen Bücherregalen auf beiden Seiten

Ein schmal zulaufender Gang mit vollen Bücherregalen auf beiden Seiten
Bildquelle: Priscilla Du Preez, CC0 (unsplash.com)

„Für die meisten Lehrenden ist das eine ganz unangenehme Situation, wenn Studierende in einer mündlichen Prüfung nichts sagen. Sie wünschen sich normalerweise, dass Prüflinge gut abschneiden.“ Als möglicher Grund für das Schweigen von Studierenden in Prüfungssituationen sei Prüfungsangst in Erwägung zu ziehen. Dr. Dipl.-Psych. Michael Cugialy bietet im Rahmen der Zentraleinrichtung (ZE) Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität jedes Semester einen Workshop „Fit für die Prüfung“ an. Dabei geht es zwar um Lernstrategien im Allgemeinen, aber der Umgang mit Nervosität und Angst spielt eine wichtige Rolle.

In die Einzelberatung kommen jährlich knapp 900 Studierende, von denen etwa 50 Prüfungsangst als Anliegen angeben. Holger Walther, Autor des Ratgebers „Ohne Prüfungsangst studieren“ geht davon aus, dass mindestens 10 % der Studierenden stärkere Prüfungsängste haben, die über eine übliche und auch produktive Anspannung und Nervosität hinausgehen.

Interview mit Michael Cugialy, Mitarbeiter der ZE Studienberatung und Psychologische Beratung

Sie können es in einer Prüfung im Auftreten von Studierenden erkennen: die Stressreaktion des sympathischen Nervensystems, also physiologische Merkmale wie Zittern der Beine, Rotwerden im Gesicht, starkes Schwitzen; wenn jemand vor Ihnen sitzt, dass Sie denken, das ist aber mehr als ein bisschen nervös, das ist dann oft Prüfungsangst. Dazu kann auch so etwas gehören wie eine zusammengekauerte Körperhaltung, Vermeidung des Blickkontakts, häufig auch, wenn Studierende in so eine Art Starre verfallen, Formulierungsschwierigkeiten haben, gar nichts sagen. In mündlichen Prüfungen erkennt man es leichter und hat auch die Möglichkeit zu intervenieren. Bei einer Klausur können Sie zwar hingehen und fragen, ob alles okay ist. Aber wenn 200 Leute im Hörsaal sitzen, fällt es Ihnen unter Umständen auch gar nicht auf.

Im Vorfeld sollten Sie bei häufigem Abmelden von Prüfungen aufmerksam werden. Auch wenn Studierende nicht auf Nachrichten reagieren, bedeutet es nicht unbedingt, dass sich die Person nicht mehr für das Studium interessiert oder unhöflich ist. Es gehört auch zum Wesen der Angst, alles auszublenden, was mit dem angstauslösenden Reiz zu tun hat. Dazu kann auch gehören, das E-Mail-Postfach nicht mehr zu öffnen.

Auch Leute, die vorher nie Probleme mit Prüfungsangst hatten, entwickeln sie manchmal an der Uni. Das ist mindestens so häufig wie Studierende, die das immer hatten. Das kann für die Studierenden auch merkwürdig sein, weil sie vielleicht ein sehr gutes Abitur gemacht haben und sie dann im Studium auf einmal eine Angst entwickeln, die sie gar nicht kennen.

Sehr häufig ist es so, dass es eine Situation gab, in der eine Prüfungssituation als unkontrollierbar erlebt wurde, dass aus vielleicht unbekannten Gründen die Performance zu einer schlechten Note oder zum Durchfallen geführt hat und die Prüfungssituation selbst als unangenehm und bedrohlich erlebt wurde.

Das zentrale Stichwort ist Kontrolle. Wenn Sie das Gefühl haben, eine Situation unter Kontrolle zu haben, dann haben Sie keine Angst. Entscheidend ist meist nicht die reale Kontrolle, sondern vielmehr das Kontrollgefühl.

Zum kognitiven Anteil gehören auch die eigenen Ansprüche, die man sich setzt: habe ich das Gefühl, ich muss ‘ne Eins schreiben, sonst habe ich versagt? Oder habe ich Katastrophenphantasien vom Scheitern in der Prüfung und den als schrecklich erlebten Folgen?

Das sind Folgen wie Verschlechterung der Leistungen, Aufschieben von Prüfungen, Aufschieben oder Abbrechen des Studiums. Aber darüber hinaus kann Prüfungsangst Auswirkungen über das Studium hinaus haben, z.B., dass es den Leuten sehr schlecht geht, das Selbstvertrauen leidet. Auch in der Gruppe darüber zu reden, ist sehr persönlich. Deshalb treffen wir in unseren Kursen auch eine Verabredung zur Schweigepflicht, die alle Teilnehmenden unterschreiben.

In unserem Workshop „Fit für die Prüfung“ thematisieren wir die Angst und die Nervosität. Wir beschäftigen uns mit Einstellungen und Erwartungen: Welche negativen Gedanken habe ich? Was denke ich über mich und meine Fähigkeiten? Wie realistisch sind meine Erwartungen? Wir arbeiten gezielt an funktionalen, entlastenden Gedanken, sodass die innere Stimme zur Unterstützung wird. Außerdem trainieren wir ganz praktische Lern- und Arbeitstechniken. Und drittens empfehlen wir Entspannungsübungen, die wir vor allem aus Zeitgründen nicht im Seminar machen. Die Krankenkassen stellen beispielsweise kostenlos Materialien zur Verfügung, mit denen man zu Hause Entspannungstechniken üben kann. Wichtig ist, dass diese regelmäßig über mehrere Wochen trainiert werden. In der Regel taucht die Angst schon auf, sobald sich Studierende mit dem Prüfungsstoff beschäftigen. Auch bei der Vorbereitung können Entspannungsverfahren schon hilfreich sein.

Die Freie Universität ist gut mit Beratungsmöglichkeiten ausgestattet. Das Thema ist eine Domäne der Psychotherapie und Möglichkeiten mit Psychotherapeut*innen zu reden, gibt es hier auch.

Das andere sind angenehme Räume. Wir wissen, Räume sind immer knapp an der Universität, gerade auch zu Prüfungszeiten. Eigentlich sollte es aber gerade bei schriftlichen Prüfungen angenehme, helle Räume geben. Auch sollte es möglichst so sein, dass Prüfungen nicht direkt hintereinanderliegen. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass bei mündlichen Prüfungen, die ja im Büro von Professor*innen stattfinden, auch die Uhrzeit einen Einfluss auf die Prüfungsleistung und vor allem die Bewertung der Prüfungsleistung hat. Ich hatte auch schon Einzelfälle, wo Studierende zwei Prüfungen am gleichen Tag hatten und das ist natürlich schwierig – solche Prüfungen spiegeln dann eher nicht die möglichen Leistungen der Studierenden wider, weil sie so von einem Konzentrationsdefizit gefärbt sind.

Also Räumlichkeiten schaffen, Termine entzerren – etwas, was dann die Fachbereiche oder Lehrenden tun könnten.

Vor allem, Zeit geben und Ruhe ausstrahlen. Alles, was Studierenden eine Vergrößerung des Kontrollgefühls vermittelt, ist gut. Das heißt, man sollte natürlich kein abwertendes Verhalten zeigen, sich nicht lustig machen. Wenn Sie merken, da ist jemand sehr nervös, versuchen Sie erstmal, ein bisschen ins Gespräch zu kommen. Die besten Leistungen werden erzielt, wenn Studierende das Gefühl haben, die Prüfung sei ein Fachgespräch unter Kolleg*innen. Wenn es die Prüfungsordnung erlaubt, können die Studierenden auch zunächst über ein Eingangsthema referieren. Das wird nicht bewertet und soll helfen, ins Sprechen zu kommen. Setzen Sie die Studierenden nicht unter Druck, ermöglichen Sie, einen Schluck zu trinken und durchzuatmen. Fürs Gedächtnis ist es gut, das Thema einzubetten: „Gehen Sie mal davon aus, …“. Wenn gar keine Hilfestellung hilft, ist es empfehlenswert, auf ein anderes, entfernteres Thema eingehen. Schlagen Sie vor, eine Frage erstmal zu parken und später ggf. darauf zurückzukommen. Es geht nicht darum, Standards aufzuweichen, aber Sie wollen ja wissen, was die Person wirklich weiß bzw. kann.

Studierende erzählen selten, dass eine Prüfung nicht fair gelaufen ist, also dass Prüfende offensiv unfair gewesen seien. Häufiger kommt es vor, dass Studierende die Benotung nicht nachvollziehen können. Wenn jemand durchfällt, erklären Sie der Person, warum, was genau gefehlt hat. Wenn die Person das nicht versteht, wird sie die nächste Prüfung möglicherweise als weniger kontrollierbar wahrnehmen. Bieten Sie Ihre Sprechstunde dafür aktiv an, denn direkt nach der Prüfung ist nicht für alle Studierenden ein guter Zeitpunkt, um das Feedback zu verstehen oder später zu erinnern. Zeigen Sie sich generell ansprechbar, auch für Fragen zur Prüfung. Was uns freut ist, dass viele Lehrende bereits auf unsere Beratungsstelle verweisen.

Für die meisten Lehrende ist das selbstverständlich, aber natürlich ist ein respektvoller Umgang mit Studierenden wichtig. Wenn Studierende Angst haben, dass sich Prüfende über sie lustig machen, fördert das Nervosität und Angst.

Außerdem ist es hilfreich, eine gute Vorbereitung zu ermöglichen. Studierende sollten genau wissen, wie die Prüfung ablaufen wird und was die Bewertungskriterien sind, so dass sie sich gut vorbereiten können. Wenn Sie Multiple-Choice-Fragen stellen, müssten Studierende diese Form der Prüfung vorher üben können. Zeigen sie auch beispielhaft ältere Klausuren sowie deren Lösungen und geben Sie den Studierenden Hinweise zur Bearbeitung, wie z.B. sich nicht zu lange mit Aufgaben zu beschäftigen, die sie nicht verstehen. Sie können Klausuren auch generell so aufbauen, dass Sie mit leichteren Fragen beginnen und den Schwierigkeitsgrad steigern.

Bei mündlichen Prüfungen ist die volle Aufmerksamkeit der Lehrenden notwendig. Studierende erzählen, dass einzelne Professor*innen auch schon während einer Prüfung ihr klingelndes Telefon beantwortet haben, was sie als sehr irritierend wahrgenommen haben. Hören Sie aktiv zu, signalisieren Sie Zustimmung und geben Sie konstruktives Feedback: „Das ist ein wichtiger Punkt, aber ich würde gerne noch über XY sprechen.“. Auch Humor kann entlastend sein, aber sollte keinesfalls abwertend sein. Wenn Studierende das Gefühl haben, die Prüfung läuft nicht gut, kann scherzhaftes Verhalten sehr verunsichernd sein.

Da Prüfungsangst sogar davon ausgelöst werden kann, dass Studierende nicht verstehen, warum sie eine schlechte Note bekommen haben oder durchgefallen sind, sollten Sie aktiv Möglichkeiten zur Prüfungseinsicht und -besprechung anbieten.

Besonders wichtig ist das bei Letztversuchen, die sowohl für Studierende als auch für Prüfende sehr belastend sind. In vielen Fächern ist der Letztversuch eine mündliche Prüfung. Achten Sie darauf, in einer Vorbesprechung so transparent wie möglich über die Prüfung und Ihre Bewertungskriterien zu sein. Erklären Sie den Studierenden auch, woran es bei den vorherigen Versuchen hakte und suchen Sie eine Bestätigung, dass diese Informationen verstanden wurden.

Es geht insgesamt darum, durch Transparenz bei der Vorbereitung von Prüfungen möglichst hohe Berechenbarkeit herzustellen. Das Gefühl von Kontrolle mindert Prüfungsangst. Daher hilft alles, was Selbstwirksamkeit stärkt und Ungewissheit verringert. Studierende sollen sich in Prüfungen Herausforderungen stellen. Aber es ist schade für alle, wenn sie ihr Potential dann gar nicht abrufen können.

Walther, Holger. 2015. Ohne Prüfungsangst studieren. Konstanz, München: UVK Verlagsgesellschaft. (Link zum online verfügbaren Exemplar im Bibliothekskatalog der FU)

ZE Studienberatung und Psychologische Beratung. 2019. Prüfungsangst. In: Dies (Hg.). Online-Wiki Studieren leicht gemacht. Berlin: Freie Universität Berlin.

Alle Mitglieder der Freien Universität, egal ob Mitarbeitende oder Studierende, können sich an uns als Beratungsstelle wenden. Sie können einen Termin für eine Einzelberatung vereinbaren. Für Studierende bieten wir jedes Semester unterschiedliche Workshops an, unter anderem „Fit für die Prüfung“.

Michael Cugialy

Michael Cugialy
Bildquelle: privat

Dr. Dipl.-Psych. Michael Cugialy ist an der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin tätig.

Kontakt: cugialy@zedat.fu-berlin.de