Didaktische Prinzipien

Ein Dachgerüst aus Glas und Metall mit blauem Himmel im Hintergrund.

Ein Dachgerüst aus Glas und Metall mit blauem Himmel im Hintergrund.
Bildquelle: CC0 https://www.flickr.com/photos/mhaderer/15493585779/

Gender- und diversitätsbewusste Lehre dient der Verbesserung der Lehre. Das heißt: Kriterien für gute Lehre werden nicht über Bord geworfen oder neu erfunden, sondern sie werden ergänzt und unter spezifischen Gesichtspunkten durch Lehrende weiterentwickelt. Mehr dazu finden Sie unter Kompetenzen für die Lehre.

Für gender- und diversitätsbewusste Lehre sind zwei didaktische Prinzipien besonders hilfreich: Methodenvielfalt und Aktivierung von Studierenden. Mehr zur Umsetzung finden Sie unter Von Planung bis Abschluss.

Methodenvielfalt

Methodenvielfalt bedeutet, dass Sie nicht alle Sitzungen einer Lehrveranstaltung gleich gestalten, sondern unterschiedliche Methoden anwenden. So können Sie Elemente, in denen Sie frontal lehren, also z.B. einen Vortrag halten, abwechseln mit Elementen, bei denen die Studierenden selbst aktiv werden sollen. Inhaltlicher Input und Lehrgespräche sind wichtig, die Erschließung neuer Wissensfelder kann jedoch auch auf andere Weise geschehen. Setzen Sie daher auch gezielt interaktive und kooperative Lehrmethoden ein. Außerdem bietet es sich an, unterschiedliche Settings zu berücksichtigen und neben dem besonders üblichen Plenum auch Arbeitsphasen in Kleingruppen und (direkt in Lehrveranstaltungen eher kürzere) Phasen der Einzelarbeit zu planen.
Achten Sie auf einen abwechslungsreichen Medieneinsatz und vielfältige Stimuli: Wechseln Sie zwischen eher kognitiven und eher praxisorientierten Herangehensweisen, so dass Gelerntes erprobt, kritisiert und verknüpft werden kann. Sorgen Sie nach Möglichkeit für eine physische Präsenz des Untersuchungsgegenstandes - gegebenenfalls auch als digitales Artefakt. Ermöglichen Sie vielschichtige Herangehensweise an ein Thema (medial, erfahrungsbezogen, assoziativ etc.) und bieten Sie unterschiedliche Formen der Auseinandersetzung an (experimentell, analytisch, historisch, empirisch etc.) an. Grundsätzlich können Sie sowohl in Phasen der Einzelarbeit als auch in Arbeits- oder Projektgruppen entweder allen Studierenden das gleiche Material oder die gleiche Aufgabe geben oder auch parallel verschiedene Lernmöglichkeiten anbieten und anschließend die verschiedenen Perspektiven zusammenführen und auswerten.

Methodenvielfalt sollten Sie dabei einerseits in Bezug auf einzelne Sitzungen sowie andererseits im Hinblick auf Lehrveranstaltungen im Semesterverlauf bedenken, wie z.B. die Abwechslung von Input und Output.

  • Monotonie ist langweilig und ermüdend. Durch methodische Abwechslung fällt es Studierenden leichter, sich während der gesamten Sitzung gut zu konzentrieren, weil es keine langen Einheiten gibt, in denen sie z.B. nur zuhören sollen. Die Erfahrung zeigt auch, dass Studierende im Allgemeinen Methodenvielfalt schätzen.

  • Außerdem liegen nicht allen Studierenden die gleichen Methoden des Lernens, so dass Sie durch Methodenvielfalt die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass für alle etwas dabei ist, womit sie etwas anfangen können. Eine gezielte Individualisierung von Lernstrategien ermöglicht Wissens- und Kompetenzzuwachs für Studierende mit unterschiedlichem Vorwissen.

  • Und schließlich bringen Methoden unter Umständen für bestimmt Studierende spezifische Barrieren oder Potentiale mit sich. Für Studierende mit einer beHinderung des Sprechens oder sehr zurückhaltende Studierende kann es z.B. unangenehm sein, aufgefordert zu werden, vor der gesamten Gruppe zu sprechen. Für Sie als Lehrende*r kann dann der Eindruck schlechter Vorbereitung oder Leistung entstehen, obwohl die Studierenden sich vielleicht in einer kleineren Arbeitsgruppe hervorragend hätten einbringen können. Anderen fällt es vielleicht sehr schwer, mit ihnen unbekannten Kommiliton*innen spontan zusammen zu arbeiten, so dass sie in einer individuellen Auseinandersetzung mit dem Thema im oder nach dem Seminar am meisten lernen könnten. In jedem Fall können Sie durch die Verwendung vielfältiger Methoden dazu beitragen, die Chancengleichheit zu verbessern.

  • Methodenvielfalt ermöglicht Ihnen außerdem, kreativ zu sein, Neues auszuprobieren und die Wirkung verschiedener Methoden bewusst einzusetzen (z.B. hochkonzentrierte Stille oder lebhafte Diskussionsatmosphäre), auch um über das ganze Semester hinweg eine Spannung aufrecht zu erhalten. Ihre Lehr- und Moderationskompetenzen verbessern sich, weil Sie aus Ihren Erfahrungen lernen können und Ihr Repertoire erweitern. Sie gewinnen an Routine und können sich in kürzerer Zeit gut auf die Lehrveranstaltungen vorbereiten. Außerdem entdecken Sie, was Ihnen als Lehrende*r besonders gut oder weniger liegt, wo Sie sich vielleicht weiterbilden möchten und was Ihre persönlichen Stärken sind.

Schauen Sie sich bei unseren Hinweisen für verschiedene Phasen einer Lehrveranstaltung um, lernen Sie in unserem Methodenpool neue Methoden kennen oder stöbern Sie in unserer Auswahl fachspezifischer Lehrbeispiele.

Beim Einsatz neuer Methoden ist es wichtig, zu Beginn den Ablauf verständlich zu erklären und auch transparent zu machen, was das Ziel ist. Wenn beispielsweise die Studierenden alleine oder in Gruppen etwas erarbeiten sollen, erläutern Sie unbedingt, was mit den Ergebnissen passiert: Sollen Einzelne freiwillig etwas vorstellen, alle Gruppen etwas präsentieren oder sammeln Sie die Ergebnisse ein? Wenn Sie die Ergebnisse einsammeln, geschieht dies anonym oder sind die Ergebnisse einzelnen Personen zuzuordnen? Wollen Sie sie bewerten oder sich einen Überblick über das Wissen oder die Fragen der Studierenden verschaffen? Ihre Motive hinter der Methoden-Auswahl zu kennen gibt den Studierenden Sicherheit und ist wichtig für das Gelingen vieler Methoden.

Aktivierung von Studierenden

Kennen Sie dieses Phänomen: Sie lesen etwas oder hören einen Vortrag zu einem Thema. Alles klingt schlüssig; die Inhalte scheinen Ihnen klar. Sie beginnen, einen Text dazu zu schreiben oder machen einen Entwurf für eine Präsentation. Und plötzlich hakt es an der einen oder anderen Stelle doch ein wenig? Sie bemerken Widersprüche, die Ihnen nicht sofort aufgefallen sind? Ihnen fällt ein viel besseres Beispiel ein als das in der Literatur angeführte oder Sie denken auf einmal über einen spezifischen Transfer für ein anderes Thema oder ein neues Anwendungsfeld nach? Sie müssen schlicht einen Begriff nachschlagen und stellen dabei interessante Zusammenhänge fest?

Bei der Aktivierung von Studierenden geht es darum, eine solche Auseinandersetzung mit Inhalten zu ermöglichen und zu vertiefen. Das kann bedeuten, eigene Fragen an den Gegenstand zu entwickeln, sich mit der Anwendung von Theorien oder Modellen zu beschäftigen, aber auch zu argumentieren und zu diskutieren. In der Hochschullehre werden häufig Methoden verwendet, in denen ein Großteil der Studierenden nur rezipiert und recht passiv bleibt: häufig bedeutet das, zuhören und lesen. In einer Diskussion oder bei der Möglichkeit, Fragen zu stellen, melden sich häufig nur wenige und immer die gleichen zu Wort. Daher gehen Methodenvielfalt und die Aktivierung von Studierenden oft Hand in Hand.

  • Wissenschaftliches Arbeiten und kritisches Denken müssen eingeübt werden. Eine Anleitung durch Lehrende und eine Umsetzung in kleinen Portionen bietet sich in Lehrveranstaltungen an vielen Stellen an. Sie können diese Anleitungen gezielt nutzen, um z.B. auf gender- und diversitätsbewusste Aspekte oder Fragestellungen hinzuweisen.

  • Wenn die Studierenden aktiv werden können und gefordert sind; ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Ideen einbringen können, steigt ihre Motivation und ihr Engagement.

  • Eine aktive Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten ermöglicht bessere Lernergebnisse als ein passiver Konsum des Inputs von Lehrenden.

  • Sie erhalten durch aktivere Teilnahme der Studierenden eine bessere Rückmeldung über den Wissensstand der Studierenden – auch zu Gender und Diversity: Welche Begriffe oder Theorien sind noch unklar? Gibt es Missverständnisse oder Vorurteile, die zu besprechen wären? Was haben die Studierenden bereits gut verstanden? Wo gibt es Kritik oder Diskussionsbedarf?

  • Auch die Studierenden merken deutlicher, wie sich ihr Wissensstand entwickelt. Fortschritte werden sichtbar und sind ermutigend. Gleichermaßen werden Wissens-Lücken für die Studierenden wahrnehmbar und können dann durch angepasstes Selbststudium oder eine Veränderung der Studienplanung ausgeglichen werden.

  • Aktivieren Sie das Vorwissen von Studierenden und wecken Sie ihre Neugier für die kommenden Themen.

Beispiele:
    • Sie können am Anfang einer Lehrveranstaltung, einer Sitzung oder eines thematischen Blocks ein Quiz durchführen oder Aufgaben lösen lassen. Erklären Sie unbedingt, dass es sich nicht um eine Prüfung handelt, dass Sie die Ergebnisse nicht bewerten und auch einzelne Studierende nicht vergleichen wollen, sonst erfüllt die Methode den hier genannten Zweck nicht. Die Fragen oder Aufgaben können individuell oder in Gruppen bearbeitet werden. Planen Sie das Quiz so, dass es Erfolgserlebnisse für die Studierenden gibt, dass aber auch offene Fragen, unterschiedliche Perspektiven und Lücken sichtbar werden. Nach der Auflösung können Sie erläutern, wann und wie in der Lehrveranstaltung die offen Fragen, falschen Antworten oder kontroversen Lösungen geklärt werden. Vielleicht kommen Sie auch später im Veranstaltungsverlauf nochmal auf das Quiz zurück, so dass Lernfortschritte und offene Fragen sichtbar werden.
    • Fordern Sie die Studierenden auf, eigene Fragen und Lernziele zu formulieren und schriftlich festzuhalten. Sich zu verdeutlichen, was genau man in einer bestimmten Sitzung oder durch Lektüre eines Texts lernen möchte, knüpft an individuelle Wissensstände und Interessen an, macht aufmerksamer und verbessert den Lernerfolg. Auch auf diese Methode können Sie zurückkommen, um Ergebnisse zu sichern oder zu reflektieren, warum Fragen tatsächlich nicht beantwortet wurden.

  • Ermutigen Sie Studierende, unter Bezugnahme auf und in Auseinandersetzung mit existierenden Theorien und Herangehensweisen an ein Thema eine eigene Perspektive auf den Lerngegenstand zu entwickeln. Beziehen Sie dabei Fragen mit Bezug zu Gender und Diversity mit ein.

Beispiele:
    • Bitten Sie die Studierenden, ein kurzes Brainstorming zu einer der folgenden Fragen durchzuführen: Was fällt Ihnen assoziativ zu folgendem Begriff ein? Für welche Handlungsfelder ist das Thema wichtig? Was hat das Thema mit Ihrem Alltag zu tun?
      Diese Übung können die Studierenden alleine oder im Austausch mit Ihren Sitznachbar*innen machen. Es empfiehlt sich die schriftliche Form, sei es als einfache Liste, als Mindmap, oder auf Kartei- bzw. Metaplankarten. Falls die Ergebnisse präsentiert werden sollen oder falls Sie sie einsammeln möchten, kündigen Sie das immer zu Beginn an.

    • Ein Lerntagebuch zu führen, kann eine fakultative oder obligatorische Aufgabe sein, bei der Studierende sowohl inhaltliche Aspekte einer Lehrveranstaltung als auch ihren eigenen Lernprozess reflektieren können. Der Einsatz von Lerntagebüchern erfordert eine gründliche Einführung für die Studierenden und auch eine Rückmeldung durch die Lehrenden. Zusätzlich kann innerhalb digitaler Lehr-Lern-Plattformen ein Vorgehen etabliert werden, bei dem sich die Studierenden gegenseitig Feedback zu ihren Lerntagebüchern geben.


  • Lösen Sie die Situation des frontalen Lernens im Plenum auf, indem Sie Phasen der Gruppenarbeit durchführen. Das kann vom Umfang her von kurzen Murmelgruppen (hier S. 55), die Sie auch in großen Vorlesungen anwenden können, bis zu Projektarbeit über ein oder mehrere Semester reichen. Durch das Setting in einer kleineren Runde sind alle stärker aufgefordert, sich Gedanken zu machen und sich einzubringen. Gender- und diversitätsbewusste Gruppeneinteilungen sind ein Beispiel, an dem sich deutlich zeigt, dass bei didaktisch-methodischem Vorgehen kleine Details unterschiedliche Effekte haben und deshalb von Bedeutung sein können, wie z.B. das Vermeiden oder Reproduzieren von Stereotypen. Gleichzeitig wird klar, dass es nicht die eine richtige Lösung gibt, sondern dass Sie je nach Kontext entscheiden und unterschiedliche Methoden zur Gruppeneinteilung anwenden sollten.



  • Ermöglichen Sie den Studierenden die Erfahrung, dass Wissensproduktion und Wissensweitergabe soziale Prozesse sind, in denen Lehrende und Studierende aktiv beteiligt sind. Nehmen Sie Beiträge von Studierenden ernst. Greifen Sie spannende Fragen auf und machen Sie transparent, welche weiteren Überlegungen oder methodischen Konsequenzen sich daraus ergeben können.


  • Publikation und Präsentation: Geben Sie Studierenden die Möglichkeit, das Gelernte und Erarbeitete nicht nur Ihnen oder den anderen Studierenden zu präsentieren. Schlagen Sie das Verfassen kurzer Artikel in geeigneten Publikationen Ihres Instituts oder Fachs vor, laden Sie Studierende bei Tagungen vor Ort zu einer Posterpräsentation ein. Organisieren Sie ein Instituts-Colloquium oder veranstalten Sie einen Science Slam. Achten Sie dabei darauf, dass Sie nicht unbewusst bestimmte Studierende bevorzugen – überdenken Sie gender- und diversitätsbewusst, wen Sie ansprechen wollen.

Beispiel:
  • Im Rahmen des ABV-Kurses Diversity Management haben Studierende im Wintersemester 2016/17 Videos zum Thema Diversity/Vielfalt an der Freien Universität gedreht und für den Video-Wettbewerbs „Vielfalt an der Freien Universität“ eingereicht. Der Kurzfilm „Vielfalt und deren Wahrnehmung an der FU“ der Studierenden Philip Maciejewski, Lukas Franz Lönnendonker, Antonia Middeldorf, Suzanne Linehan Winter, Carolina Fernandez Arancibia und Christian Joswig hat den Publikumspreis gewonnen. Mehr zu den entstandenen Videos können Sie hier nachlesen.

   

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