Leitlinien

Ein Wegweiser mit mehreren Schildern auf dem Gelände der Freien Universität Berlin.

Ein Wegweiser mit mehreren Schildern auf dem Gelände der Freien Universität Berlin.
Bildquelle: CC Jamina Diel/Lian Hüntelmann BY-NC-SA

Ergänzend zu den Vorschlägen zur Kompetenzerweiterung finden Sie hier einige Leitlinien einer gender- und diversitätsbewussten Lehre.
Diese setzen bei Ihrem Wunsch an, Gender und Diversität stärker in die Lehre einzubeziehen. Eine Haltung, die bestehende Probleme und Hierarchien kritisch wahrnimmt und verändern möchte, d.h. eine machtkritische Haltung, ist dabei Ausgangspunkt und zugleich Ziel dieser Leitlinien:

Bei gender- und diversitätsgerechter Lehre geht es um die Wahrnehmung der Verschiedenheit von Studierenden und Lehrenden, ohne dass diese Verschiedenheit Nachteile mit sich bringt, sowie um den Abbau von Diskriminierung und Ungleichheit. Anstatt Vielfalt abzuwerten, sollen die Stärken aller Beteiligten sichtbar werden. Das  AGG benennt zwar 6 Kategorien, nach denen nicht diskriminiert werden darf: „aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion ...

Wenn Sie lehren, tun Sie das mit bestimmten Vorstellungen über Ihre Adressat*innen , die Studierenden. Sie haben z.B. Annahmen darüber, ob die Studierenden nicht- deutschsprachige Texte lesen und verstehen können; Sie gehen davon aus, dass bestimmte Vorkenntnisse vorhanden sind oder noch fehlen. Ebenso können Sie in Betracht ziehen, ob die Studierenden Rassismus-, Sexismus- oder andere Diskriminierungserfahrungen gemacht haben, oder haben Vorannahmen über ihr durchschnittliches Alter. ...

Hochschulen sind rechtlich dazu verpflichtet, alle Studierenden gleich zu behandeln. Rechtliche Grundlage dafür sind das Grundgesetz sowie Bundes- und Landesgesetze. Das Gebot der Gleichbehandlung ist eng verbunden mit dem Anspruch, Gleichwertigkeit und Gerechtigkeit in Anerkennung unterschiedlicher Lebensentwürfe und Erfahrungen zu gewährleisten. Gesellschaftliche Ungleichheiten und Machtverhältnisse machen vor den Türen der Universität nicht Halt und betreffen Studierende ...

Um etwas gegen Diskriminierung tun zu können, muss sie zunächst wahrgenommen und als Problem verstanden werden – gerade von denjenigen, die nicht unmittelbar durch sie betroffen sind. Für den Bereich Hochschule existieren hier diverse Studien und Erfahrungsberichte, etwa zu Rassismus, Trans*feindlichkeit oder Sexismus in der Hochschule und am Arbeitsplatz. Wenn Studierende aufgrund von aufenthaltsrechtlichen Regelungen Probleme mit der Vereinbarkeit von Studium und Erwerbsarbeit ...

Studierende sind unterschiedlich, haben unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse. Um ein gutes Studium für alle zu gewährleisten, muss die Hochschule diese unterschiedlichen Bedürfnisse ernst nehmen . Dies kann zum Beispiel durch Regelungen geschehen, die nicht von einer einheitlichen Norm ausgehen, sondern Unterschiedlichkeit zulassen. Beispielsweise sind sowohl Studierende, die auf Erwerbsarbeit angewiesen sind, Familienverpflichtungen haben, oder die Wege auf dem Campus im Rollstuhl ...

In Fachkulturen spiegeln sich gesellschaftliche Normen wider, oftmals ohne dass wir uns dessen bewusst sind. So können Fachkulturen vergeschlechtlicht sein (z.B., indem es klar getrennte männlich oder weiblich konnotierte Tätigkeitsbereiche gibt), oder aus einer ausschließlich europäischen Perspektive auf ihre Gegenstände blicken. Erscheinen diese Blickwinkel als einzig mögliche , objektive und wahre Zugänge zum Thema, ist das entstehende Wissen weniger multiperspektivisch als es ...

Gender- und diversitätsbewusste Lehre hat zum Ziel, bestehende Ungleichheiten und Diskriminierung im Kontext Hochschule zu überwinden. Sich mit Ungleichheiten zu beschäftigen, bringt es mit sich, diese auch zu benennen – nur so kann ihnen an bestimmten Stellen entgegengearbeitet werden. Hier gilt es, eine gute Balance zu finden: Auf der einen Seite soll Diskriminierung benannt werden, z.B. die Unterrepräsentanz von Frauen, People of Colour oder Menschen mit sichtbaren BeHinderungen ...

Eine gender- und diversitätsbewusste Lehre kann Gender und Diversity sowohl implizit als auch explizit thematisieren. Unter Lehr- und Studieninhalte und Methoden werden für beide Zugänge Anregungen gegeben. Grundsätzlich gilt - besonders für eine explizite Thematisierung: Studierende - und auch Lehrende selbst – sind meistens in unterschiedlicher Weise von Ungleichheit und Diskriminierung betroffen : Neben Studierenden, die noch nie rassistische oder sexistische Diskriminierung ...

Traditionelle Muster und Rollen (z.B. Geschlechterstereotype) in der Lehre reproduzieren sich auf verschiedenem Wege, auf bewusste und unbewusste Weise. Beispiele für Stereotype und Diskriminierung sind: Diskriminierende Sprache und Auswahl von Bildern, anderen Lernmaterialien und Studieninhalten Stereotyp vergebene Arbeitsaufträge Unterschiedliche Anerkennung für gleiche Leistungen Ungleich verteiltes Zutrauen und Unterstützung Ungleich gegebene finanzielle und zeitliche ...

Immer wieder kommt es vor, dass Studierende als 'besonders' – und damit als nicht der Norm entsprechend herausgestellt werden. Die geschieht, indem ihnen eine 'exotische' Herkunft, außergewöhnliche Bedürfnisse oder Fähigkeiten oder grundlegende Andersartigkeit unterstellt und in den Mittelpunkt gerückt wird. Dabei ist es egal, ob diese herausgestellten Eigenschaften positiv oder negativ bewertet werden. In den meisten Fällen geht das 'Anders-Machen' , das Ausnehmen Einzelner von ...

Eine diskriminierungsfreie Hochschule und eine gender- und diversitätsbewusste Lehre können Sie als Dozent*in mitgestalten – sie sind aber nicht alleine dafür verantwortlich. Sie können eigene Handlungsspielräume wahrnehmen und erweitern. Sie sollten aber mit dieser Aufgabe nicht allein gelassen werden. Die Beratungsangebote der Berliner Universitäten und ausseruniversitärer Träger finden Sie in den Ressourcen . Um Angebote zu schaffen, die Sie benötigen, die es aber noch nicht ...

Professionelles Handeln, gerade in Kontexten, sie sich kritisch mit sozialen Macht- und Ungleichheitsverhältnissen auseinandersetzen, ist damit konfrontiert, diese Verhältnisse zu benennen, um sie anschließend bearbeiten zu können , darauf weist Urmila Goel hin. Nur wenn Menschen sich ihrer Unwissenheit, Vorurteile und Ressentiments bewusst werden, besteht die Chance, diese zu verändern. Dies geschieht jedoch fast immer auch in Anwesenheit von Menschen, die direkt von diesen ...

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit besteht manchmal eine recht große Lücke, die Sie als Dozent*in nicht überbrücken können. Sie können jedoch versuchen, sie wahrzunehmen und auszuhalten. Diskriminierungsfreiheit funktioniert dann als positive Norm , die zwar nie vollständig umgesetzt werden kann, aber dennoch handlungsleitend ist. Gerade angesichts hoher zeitlicher Belastungen sowie struktureller und auch außerhalb der Lehre existierender Ungleichheiten, steht professionelles ...

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Gesetze:

Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz.

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland.



Version April 2017. Soweit nicht anders gekennzeichnet, ist dieses Werk unter einer Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz lizensiert.