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Universität als Lebensform. Rassismuskritische Hochschulentwicklung

Ich gehe mit etwa Bernhard Waldenfels davon aus, dass die Idee der Universität unentbehrlich ist, um jene Lebensform aufrechtzuerhalten, für die das Vergnügen und das Leiden an der Erkundung, an der Befragung und schließlich der Überschreitung der Grenzen epistemischer Ordnungen unabkömmlich und entscheidend ist. Die Idee der Universität verweist auf einen Ort, an dem Begriffe und Einsichten beständig neu zu denken sind und neu gedacht werden können, in diesem Sinne ist sie ein privilegierter Ort. Wer die Universität in diesem Sinne als Ort einer transgressiven Lebensform versteht, folglich als Ort der Verletzung, des Verstoßes und der Übertretung bindet die Universität in erster Linie nicht an bestimmte Inhalte und an bestimmte Wissensbestände, sondern vielmehr an eine spezifische Form der Thematisierung von Inhalten und Wissensbeständen. Nicht, was gelehrt wird, sondern die Art und Weise des Lehrens, kennzeichnet die Universität, weil sie einführt in eine bestimmte Weise, in der Welt zu sein. Dem Selbstverständnis der Universität nach stellt die an ich vermittelte und gepflegte Welt-Weise einen Wert dar und der Zugang zu ihr mithin ein Privileg.

Wie es sich mit diesem Privileg nun empirisch verhält, soll im Vortrag rassismuskritisch reflektiert werden. Mit rassismustheoretischem Wissen wird es möglich, zumeist eher implizit an Rassekonstruktionen anschließende Unterscheidungen zu erkennen und zu beschreiben, den Bedingungen ihres Wirksamwerdens nachzugehen sowie ihre Konsequenzen zu bestimmen. Unter der rassismuskritischen Perspektive werden natio-ethno-kulturell kodierte Unterscheidungen und Rechtfertigungen von Unter- und Entscheidungen der Gegenwart in Beziehung gesetzt zu rassistischen Differenzierungen; dies nicht, weil jede natio-ethno-kulturell kodierte Unterscheidung des Rassismus bezichtigt wird, sondern weil diese Unterscheidungen potenziell von rassistischen Unterscheidungen vermittelt sind und/oder diese potenziell stärken. Die epistemische und erkenntnispolitische Praxis der Rassismuskritik zielt darauf, zu untersuchen, in welcher Weise, unter welchen Bedingungen und mit welchen Konsequenzen Selbstverständnisse, Handlungsweisen und das Handlungsvermögen von Individuen, Gruppen und Institutionen durch Rassismen vermittelt sind sowie zu analysieren, welche Veränderungsoptionen und alternativen Selbstverständnisse und Handlungsweisen, von denen weniger Gewalt ausgeht, realisierbar sind. Dies soll im Vortrag erläutert werden, auch mit einem freundlich-kritischen Blick auf die Landschaft der „Diversity“-Konzepte in der Hochschulentwicklung.